Im Jahr 2009 kündigte das Institut für Zeitgeschichte München bereits an, eine kommentierte Fassung von Hitlers “Mein Kampf” zu veröffentlichen. Fünf Jahre später liegt eine turbulente Zeit hinter den Herausgebern und Autoren. Der Grund: die bayerische Landesregierung. Zwischenzeitlich wollte die Regierung das Vorhaben mit 500.000 Euro unterstützen. Doch ein Jahr später zog Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) dieses Angebot überraschend zurück, nachdem prominente Vertreter des Freistaats während einer Israelsreise auf erbitterte Reaktionen gestoßen waren. Die Lage bleibt somit kompliziert, die Entschlossenheit des Instituts aber ungebrochen. Simone Paulmichl, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am IfZ, im Interview.

 

Frau Paulmichl, die Arbeit am Werk ist in den letzten Schritten. Was muss jetzt noch gemacht werden und wie lange hat die Arbeit insgesamt gedauert?

Die wissenschaftliche Arbeit an der Edition ist erfolgreich abgeschlossen. Da wir das Buch im Selbstverlag veröffentlichen, stecken wir jetzt mitten im Herstellungsprozess. Die Arbeit hat in dieser Besetzung des Editionsteams drei Jahre gedauert, wobei die Vorarbeiten für eine kritische Edition von “Mein Kampf” bereits bis ins Jahr 2009 zurückreichen.

Die bayerische Landesregierung hatte ihre Unterstützung bereits vor längerer Zeit zurückgezogen. Sie arbeiteten trotzdem weiter. Wird das Buch im Januar 2016 definitiv auf den Markt kommen oder erwarten Sie weitere Schwierigkeiten?

Das Buch wird wie geplant im Januar 2016 veröffentlicht. Wir stellen ein hohes öffentliches Interesse fest und haben schon zahlreiche Vorbestellungen.

Die öffentliche Diskussion ist nicht zu verkennen. Wie ist das Feedback Ihrer Umgebung, dass Sie direkt erhalten?

Die Arbeiten an der Edition waren von Anfang an von einem großen medialen Interesse begleitet. Wir haben uns deshalb immer bemüht, ein hohes Maß an Transparenz über unsere Arbeit herzustellen. Dazu zählten auch viele Gespräche und Diskussionsveranstaltungen. Wir haben den Eindruck, dass wir unsere Zielsetzung bislang gut vermitteln konnten und die Öffentlichkeit Vertrauen hat, dass die Arbeit an einer so sensiblen Edition beim Institut für Zeitgeschichte in guten Händen liegt.

Den Hauptanteil der neuen Ausgabe wird nicht der Originaltext sein, sondern externe Ergänzungen seitens des IfZ. Schaut man bei diesem Werk nicht zwei oder gar dreimal über die eigene Arbeit?

Selbstverständlich. Die Editoren haben deshalb auch jede einzelne Fußnote mehrmals im Team gegengelesen und viele NS-Experten hier bei uns im Haus sind ebenfalls mit kritischem Rat zur Seite gestanden. Doch das war uns nicht genug: Im Dezember 2014 haben wir die Arbeit einer internationalen Expertenkommission vorgestellt und sehr viel Rückenwind erhalten. Es war uns auf jeden Fall wichtig, dass die Edition höchste Qualitätsmaßstäbe erfüllen muss.

Haben Sie keinerlei Bedenken, dass durch die Veröffentlichung das Buch auch an die falschen Leute gelangen könnte?

Die “falschen Leute” haben schon jetzt jede Gelegenheit, sich “Mein Kampf” über das Internet, im Ausland oder über antiquarische Ausgaben zu besorgen. Wir liefern mit unseren kritischen Edition dazu wissenschaftlich fundierte Gegenargumente.

Sie werden das Buch selber herausgeben. Gab es trotzdem Anfragen externer Verleger?

Selbstverständlich, und es liegen bereits mehrere Übersetzungsanfragen vor. Uns war es aber wichtig, ein so sensibles Projekt selbst in den Händen zu behalten. Die Edition im Selbstverlag sollte auch ein politische Signal sein, dass mit der Veröffentlichung von “Mein Kampf” keine kommerziellen Interessen verbunden sind.

Haben Sie bereits Prognosen, ob das Buch gar ein Verkaufsschlager werden könnte?

Wir haben zahlreiche Vorbestellungen und wir freuen uns über das große öffentliche Interesse. Aber es ist nicht unsere Absicht, mit Hitler einen Bestseller zu landen. Wir wollen mit unserer Edition eine Lücke in der wissenschaftlichen Forschung schließen und einen Beitrag zur historisch-politischen Aufklärung leisten.